Kirchenmauer von Cornelia Veit

zu Installation „Kirchenmauer“

42 Kinder des 1. und 2. Schuljahres und zwei Lehrer standen im Jahre 1920 vor der Nordwand der katholischen Pfarrkirche in Sandebeck (Ostwestfalen) und posierten für ein Foto. Ich fand einen kommentarlosen Abzug davon im Nachlass einer verstorbenen Tante. Die meist ernsten und oft auch verlorenen Minen der Kinder berührten und veranlassten mich, Nachforschungen anzustellen, die ich anschließend in Zeichnungen, Collagen und Installationen künstlerisch bearbeitete. Mit Hilfe von Dorfbewohnern und eines Heimatforschers konnte ich die Identität der  Klassenlehrerin, des Junglehrers und der von 23 Kindern, überwiegend Mädchen, herausfinden. Von ca. 12 davon existieren heute noch Gräber und Grabsteine auf dem Dorffriedhof bzw. in benachbarten Gemeinden. Die Namen der übrigen, meist Jungen, werden wohl für immer unbekannt bleiben.

Diesem allmählichen Vergessenwerden und Verschwinden möchte ich in meiner Installation „Kirchenmauer“ Rechnung tragen. Der Ort der Fotoaufnahme, die Nordwand der Dorfkirche, existiert bis heute unverändert und war wegen der auffälligen Strukturen des Buntsandsteines nach einiger Mühe zu finden. Die 50-minütige Videoaufnahme fängt ihr „Weiterleben“ im wandernden Sonnenlicht, Glockenläuten und Hintergrundgeräuschen ein. Die Menschen, die davor posierten, sind allesamt verschwunden. Nur wenige Fotos, Gegenstände und Erinnerungen bewahren das Wissen um ihre ehemalige Existenz.

Cornelia Veit, Oktober 2017